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Gedenkfeier am 3. Oktober im Heldburger Land

Thüringer Politiker wurden am Grenzstreifen wachgerüttelt

Feierliche Andacht am Grenzstreifen zwischen Allertshausen und Hellingen

Es war fast eine Randnotiz am Ende einer Gedenkfeier. Aber eine, die an keinem anderen Ort wirkungsvoller die Herzen der Menschen erreicht hätte. Der Ort war die Landesgrenze zwischen Thüringen und Bayern, konkret zwischen dem fränkischen Allertshausen (Gemeinde Maroldsweisach) und dem thüringischen Hellingen (Stadt Heldburg). Es war nicht nur ein historischer Ort, es war auch ein historischer Tag. Nämlich der „Tag der Deutschen Einheit“.

Am 3. Oktober treffen sich schon seit Jahren die Bürgerinnen und Bürger beider Kommunen, um Willy Brandts legendäre Worte „Es wächst zusammen, was zusammengehört“ mit Leben zu erfüllen.

Entlang der Verbindungsstraße von Allertshausen Richtung Hellingen gibt es einen Radweg in tadellosem Zustand. Doch der endet genau an der Landesgrenze, also mit Beginn Thüringens.

Die nächsten etwa vier Kilometer erinnern an alte Zeiten, an desolate Wege und Straßen in der DDR. Nun aber haben sich die Zeiten geändert! Das Heldburger Land wirbt längst um Touristen, also auch um Radler. Die Veste Heldburg mit dem Deutschen Burgenmuseum gilt als attraktiver Anziehungspunkt, den man von vielen Seiten erreichen kann. Doch der Tourismus in diesem Landstrich bleibt in den Kinderschuhen stecken, wenn nicht endlich mehr für die Gästewerbung getan wird. Gewiss, ein Radweg ist nicht viel, aber es ist ein Mosaikstein, der gesetzt werden muss.

In die Veste Heldburg sind in den vergangenen Jahrzehnten etliche Millionen Euro investiert worden. Der viele Jahre geforderte Gastronomiebau steht vor seiner Vollendung, nach einem Pächter wird noch gesucht. Lässt der Freistaat Thüringen das kleine Heldburg im Stich? Oder setzt er endlich ein sichtbares Zeichen, das alle Lügen straft, die behaupten, für Erfurt sei der Rennsteig die Grenze? Das heißt: Die Landesregierung vernachlässigt vermeintlich vieles, was jenseits oder südlich des Höhenweges liegt?

Erinnerungen an frühere Zeiten weckten Trabis, Motorräder und andere Fahrzeuge.

Die Stadt Heldburg mit ihrem Bürgermeister Christopher Other hat die Verantwortlichen in der Landeshauptstadt sanft wachgerüttelt. Ob’s für ein zeitnahes Handeln reicht? Es gibt ja auch noch Abgeordnete im Thüringer Landtag, die Heldburgs Interessen unterstützen könnten…

Zurück zur Einheitsfeier. Heimische Vereine sorgen jeweils für deren Ausgestaltung. Diesmal waren es ein Bläsertrio aus Rieth sowie die Feuerwehren aus Allertshausen und Hellingen. Einige Fahrzeuge aus DDR-Zeiten wurden präsentiert, ein Hauch von Nostalgie erfasste Oldtimerfreunde.

Während Bratwurstdüfte den Besuchern in ihre Nasen stiegen und zum Sammelpunkt lockten, bereiteten die Pfarrer Nikolaus Flämig (Heldburg) und Martin Popp-Posekardt (Maroldsweisach) die Andacht vor. Hierzu hatte sich auch Wilhelm Schneider eingefunden, früher Bürgermeister der Marktgemeinde Maroldsweisach und heute Landrat des Landkreises Haßberge. Den Landkreis Hildburghausen vertrat an diesem Nachmittag niemand, wie auch bei ähnlichen Veranstaltungen am selben Tag.

Nikolaus Flämig richtete deutliche Worte an die Gästeschar. „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller … tu deinen Mund auf bei den Problemen der Zeit…“ Man sah es den Gesichtern seiner Zuhörer an, dass viele nachdenklich wurden. Denn: Der Geistliche nannte Beispiele aus Gesprächen, die Ost und West betreffen, die regelrecht dazu auffordern, den Mund aufzumachen und nicht zu schweigen. Viele Fragen unserer Zeit „verlangen eine Antwort“, sagte der Pfarrer. „Herr, lass‘ uns bewusst sein, dass wir in diesem Land in Freiheit leben, in einer doch unfreien Welt“, waren Flämigs Schlussworte.

An diese knüpften die beiden Bürgermeister an. Wolfram Thein, Maroldsweisachs Gemeindeoberhaupt: „Gerade, wenn wir an den Mauerfall, an die Pandemie oder an die Ukraine denken, wird Freiheit zum wichtigsten Wort“. Es sollte sich auch in unserem Zusammenleben widerspiegeln, fügte Thein hinzu. Durch das Zusammenwachsen von Ost und West, durch Integration und Migration sei unser Land vielfältiger geworden. Thein appellierte an alle, die Geschichte der Wiedervereinigung besonders jenen in Erinnerung zu bringen, „die die Trennung nicht erlebt haben“.

Heldburgs Bürgermeister Christopher Other(CDU) pflanzte am Grenzstreifen eine Rotbuche. Fotos: A. Corn
Landrat Wilhelm Schneider (links) und Bürgermeister Wolfram Thein freuen sich über den erfolgreichen Arbeitseinsatz.

Theins Kollege Christopher Other nannte die nachbarschaftliche Verbindung, vor allem die Kontaktpflege untereinander, „ein Musterbeispiel des Zusammenwachsens zwischen den beiden Gemeinden, die über vier Jahrzehnte gegen ihren Willen getrennt waren“.

Schließlich griffen die beiden Bürgermeister noch zu Spaten und Schaufel. Gemeinsam pflanzten sie direkt am Grenzstreifen, also am Grünen Band, zwei Rotbuchen, die Bäume des Jahres 2022. Sie schlossen sich damit einer im Jahr 2019 in Schleswig-Holstein ins Leben gerufenen Aktion zum „Tag der Deutschen Einheit“ an, die jährlich fortgeführt werden soll.

Horst Mitzel

Coburg.Rennsteig grüßt an der A73
Veste Heldburg repräsentiert vielfältige Schlösser- und Burgenlandschaft