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Genussvolles Trinken will gelernt sein

Erste Bierseminare erfreuen sich großer Nachfrage

Stetig sinkenden Absatz beim Hausbrauer-Bier meldete die Stadt Seßlach Ende April. Die offene Ausgabe des Bieres aus dem einzigen städtischen Kommunbrauhaus in Oberfranken an Privatleute wurde daher ab Mai von alle zwei Wochen auf einmal monatlich verkürzt.

Ist nun die fast 700 Jahre alte Biertradition in Gefahr? Immerhin wurde Seßlach schon 1335 mit dem Stadtrecht auch das Recht zum Brauen verliehen. Für Bürgermeister Maximilian Neeb stellt das Kommunbrauhaus eines der Alleinstellungsmerkmal des Städtchens mit dem mittelalterlichen Stadtkern dar. Ein Privileg wie ein touristisches Pfund, mit dem es sich wuchern lässt. Und so leistet sich die Stadt mit Michael Lengenfelder einen eigenen Braumeister. Gemeinsam mit ihm kümmern sich die Brauhausfreunde, vielen mit ihren Kutten von Veranstaltungen als „Seßlacher Mönche“ bekannt, ehrenamtlich um den Erhalt der Braukultur.

Neueste Aktion der umtriebigen Gerstensaft-Freunde: Bierseminare zur Braukultur im Rodachtal. Eingebettet in das Leitprojekt „Fränkisch verbunden“ der Initiative Rodachtal luden sie jetzt zum ersten dieser Bierverkostungen. Erklärtes Ziel dieser Brauchtumspflege ist es laut Ummerstadts Bürgermeisterin Christine Bardin, die auch eine der Vorsitzenden der IR ist, Franken und Thüringer zusammen zu bringen, etwa beim Brauen und Backen. Untermerzbachs Bürgermeister Helmut Dietz, einer der Projektpaten, weiß, dass dies gerade beim Genuss am leichtesten geht. Auch wenn er selber, anders als der zweite Pate, sein Thüringer Kollege Christoph Other aus Heldburg, keine Brauhaus-Tradition mehr in seinem Gemeindegebiet vorzuweisen hat. „Wir verfügen im Stadtgebiet allein über elf Back- und acht Brauhäuser“, verkündete Other stolz. Und in Ummerstadt, warf Bardin ein, werde zumindest zwei Mal im Jahr gebraut. Einig waren sich alle Bürgermeister(innen) darin, dass ihre Biere bekannter werden müssen.

Was wäre dazu geeigneter als eine Verkostung vor interessierten Laien, mit jeder Menge Informationen rund um den Gerstensaft? Die zehn Plätze für die ersten beiden Seminare waren schnell vergriffen. Mehr Platz bietet die schmucke Alte Schmiede nicht, die sich die Brauhausfreunde als Schank- und Aufenthaltsraum neben der Brauerei im Herzen der Altstadt hergerichtet haben.

Doch bevor es ans Probieren der Erzeugnisse aus Unterelldorf, Heilgersdorf, Kaltenbrunn und Seßlach ging, verriet Volker Reißenweber erst einmal launig, wie ein Bier zu trinken ist. Nicht etwa ex und hopp, sondern langsam: „Erst einmal riechen, dann einen kräftigen Schluck in den Mund nehmen, dort lassen und durch die Nase ausatmen.“ Nur so könnten sich die vielfältigen Biernuancen entfalten.

Damit die Unterschiede der Biere auch optisch zu erkennen sind, machten die Brauhausfreunde eine Ausnahme und servierten sie im Glas statt im Steinkrug. Das wäre laut „Abt“ Stefan Pachsteffl das richtige Behältnis für ein typisch untergäriges, ungespundetes Bier aus Franken wie das Kommunbräu, damit sich der Genuss allein auf den Geschmack konzentriert, nicht auf Farbe oder fehlenden Schaum. Pachsteffl: „Es entscheiden allein Nase und Geschmack, nicht das Auge.“ Schließlich, so räumte der Seßlacher mit einer weiteren Fehlinformation auf, sind die Zutaten für das Geschmackserlebnis verantwortlich, nicht das Wasser.

Neben allerlei Informationen rund ums Bier und Brauen, die Seßlacher Braugeschichte, die gesundheitsfördernde Wirkung des Gerstensafts, Besonderheiten der verschiedenen Biersorten und Malzsorten sowie über Gambrinus, den Schutzpatron des Bieres durfte beim Bierseminar ein Blick ins benachbarte Brauhaus nicht fehlen, wo Uwe Schmidt und Stefan Pachsteffl den Brauvorgang erläuterten. Zwischen den Verkostungen der sieben unterschiedlichen Biere gab es eine ordentliche Vesperplatte, als Grundlage. Nach über drei Stunden zeigten sich alle Teilnehmer begeistert. Und alle nickten zustimmend, als ein Bierfreund bekannte, am besten habe ihm das Seßlacher Kommunbräu geschmeckt.

Wenn’s ums Bier geht, können Bürgermeister mithalten. Beim Seminar in Seßlach gönnten sich einen kräftigen Schluck: Ummerstadts Bürgermeisterin Christine Bardin (Mitte), Zweiter rechts von ihr Untermerzbachs Bürgermeister Helmut Dietz. Das gilt auch für ihre Kollegen Christopher Other (Heldburg) und Hausherr Maximilian Neeb.    Foto: B. Knauth

Zu Beginn sagte Projektpate Other: „Das ist vielleicht der Beginn einer neuen Tradition.“ Der natürliche Anfang aber liege in Seßlach, der Stadt mit dem eigenen Braumeister, fügte er hinzu. „Wichtig ist: Die Seßlacher haben das Bierseminar erfunden“, bestätigte schmunzelnd Pachsteffl. Der „Abt“ unterschrieb auch die Zertifikate, die es zum Abschluss für alle Teilnehmer gab, inklusive eines Gedichts vom „Bierkönig“ Gambrinus von 1526. Im Herbst sollen weitere Bierseminare folgen. Nähere Informationen erteilt Tourismusmanagerin Maria Brückner unter 09569-1885566 oder tourismus@sesslach.de.

Aufgrund stark gestiegener Kosten für Malz (bis zu 80 Prozent) und Energie, teurerem Hopfen, aber auch Investitionen ins Brauhaus werden nach vier Jahren die Bierpreise angehoben: Ein Liter des flüssigen Gerstensafts kostet ab 1. Juli für Selbstabholer ein Euro, Fassbier (Pils und Festbier) pro Liter 1,50 Euro. Der Preis für die Fünf-Liter-Schmuckdose, mit der die Braukultur über Seßlach hinaus getragen werden soll, steigt um ein Euro auf 12 Euro (Pils und Festbier) oder 13 Euro (Johanni-Trunk und Bockbier). In allen Preisen ist die gesetzliche Mehrwertsteuer bereits enthalten. Bleibt abzuwarten, wie sich die höheren Preise dann auf den Bierabsatz auswirken werden.

Rund 40 Sude à 40 Hektoliter im Jahr setzt der Seßlacher Braumeister Michael Lengenfelder im Kommunbrauhaus an. Vier Zehntel davon gehen an zwei Gastwirtschaften.  Der Rest wird offen oder in Fässern an Privatleute verkauft.

Bettina Knauth