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Marterl-Rundwanderweg lockt nach Seßlach

Sichtbare Zeugnisse christlichen Glaubens

Ein neuer Rundweg „Marterl-Weg“ genannt, wurde in Seßlach eingeweiht. Er führt auf 5,5 Kiometern vorbei an zwölf steinernen Zeugen (Foto: Station 7) aus der Vergangenheit und bietet Erläuterungen zu den Zeugnissen gelebten Glaubens. Fotos: Bettina Knauth

Mitunter von Passierenden unbemerkt, verstecken sich Flurdenkmäler am Wegesrand. Ob Kreuz- und Sühnesteine, Wegkreuze aus Stein und Holz oder Bildstöcke: Sie alle sind steinerne Zeugen aus vergangenen Tagen, erzählen von guten oder schlechten Ereignissen im Leben unserer Vorfahren und sind Ausdruck gelebten Glaubens.

Zwölf dieser steinernen Zeugen lassen sich jetzt entlang des neuen Marterl-Weges ablaufen, der in Seßlach eingeweiht wurde. „Es ist ein schöner Rundwanderweg entstanden, auf dem sich entdecken lässt, was schon Jahrhunderte in unserer Flur steht“, sagte Bürgermeister Maximilian Neeb zur Begrüßung der rund 50 Teilnehmenden. Die Idee, die ihm zufolge „viele Väter hatte“, wurde vom Tourismus- und Kulturausschuss der Stadt aufgegriffen und von Tourismusmitarbeiterin Maria Brückner umgesetzt.

Vom Rathaus wanderte die Gruppe zum ersten Bildstock im Rückertgärtchen vor dem Geyersberger Tor, „einem besonderen Ort“, wie Ekkehard Siegel sagte. Der 79-jährige Hattersdorfer ist sozusagen der „Vater“ des Marterl-Weges. Er hatte 2021 ein Buch mit allen Flurdenkmälern im Stadtgebiet Seßlach veröffentlicht, die für ihn Ausdruck von „Glaube und Gottvertrauen, Heimatkunde und Geschichte(n)“ sind. Seit seiner Kindheit hatten Siegel die steinernen Zeugen fasziniert. „Ich möchte die Botschaften früherer Zeiten, die sie erzählen, für zukünftige Generationen erhalten“, beschrieb er damals seine Motivation.

Vor fast 20 Jahren, im März 2003, gründete Siegel gemeinsam mit Andreas Franz, Berthold Heinlein, Karl Salb, Wilhelm Tein und Georg Vogt die „Interessengemeinschaft Flurdenkmäler Seßlach“ zum Erhalt der Marterl. „Wir sind auf Spenden angewiesen“, betonte dessen Vorsitzender Siegel. Für Einnahmen sorgt auch sein Bildband, der 88 Seiten mit Abbildungen und Erläuterungen zu insgesamt 70 Wegkapellen und -kreuzen, Bildstöcken und -häuschen sowie Sühnesteinen beinhaltet. „Da der Erhalt der Marterl mein Herzenswunsch bleibt, lege ich mein Amt aus Altersgründen nieder“, verkündete jetzt der Hattersdorfer. Seine Nachfolgerin wird Alexandra Vorderwülbecke, die im Wechsel mit Siegel die steinernen Zeugen vorstellte.

Das „Zehntmarterl“ am Fuße des Geyersbergs wurde nach seinem Standort benannt. Hier, an der „Zehntstätte“ wurden früher Gerichtsurteile verkündet. Der Bildstock von 1932, vermutlich eine Nachbildung des Originals aus dem 17. Jahrhundert, besteht aus einer Säule mit geflügeltem Engelskopf, die das Relief einer „Pietà“ trägt. Das von einem Eisenkreuz gezierte Relief zeigt die Muttergottes mit dem Leichnam ihres Sohne Jesus auf dem Schoß.

„Ob die Menschen auch heute noch ihre Lebensereignisse mit ihrem Glauben in Verbindung bringen, wie sie es über Jahrhunderte hinweg getan haben?“, fragte Marek Bonk bei der ökumenischen Andacht. Für den Seßlacher Pastoralreferenten stellt der Marterl-Weg „einen wichtigen steinernen Impuls“ dar, um sich mit der eigenen Lebensgeschichte zu beschäftigen, „aber auch mit dem Überirdischen auseinanderzusetzen“.

Obwohl solche Bildstöcke eher in Orten katholischer Prägung zu finden sind – neben Seßlach selbst vor allem in den Stadtteilen Hattersdorf, Krumbach, Gleismuthhausen und Autenhausen – faszinierten sie auch Pfarrer Tobias Knötig (Heilgersdorf/Gemünda) schon früh, als „Zeugnisse des Glaubensbekundens“: „So unterschiedlich die Künstler, so unterschiedlich waren auch die Gründe für die privaten Stifter“, schilderte der Geistliche. Alle eine aber die Intention, „das Werk Christi für unser Heil sichtbar zu machen“. Als „sichtbare Zeugnisse des christlichen Glaubens“ stiften für ihn die Flurdenkmäler Identität und verbinden die Gläubigen über die unterschiedlichen Konfessionen hinweg.

Am zweiten Halt erwartete das „Xaverius-Kreuz“ von 1733 die Gruppe. Das „Tatenkreuz“ zeigt den Heiligen Franz Xaver mit einem Kreuz in der Hand, dazu Engel und ein Schiff in aufgewühlter See. Es geht zurück auf die Legende, dass der als Missionar tätige Jesuitenpater ein Kreuz in den Indischen Ozean warf, worauf der heftige Sturm nachließ. Das Kruxifix aber versank und wurde ihm am nächsten Tag an Land von einer Krabbe in ihren Scheren zurückgebracht. „Das Marterl erbittet den göttlichen Segen, um die Flur vor Unwetter und Ungemach zu bewahren“, erläuterte Alexandra Vorderwülbecke.

Rund 5000 Euro kostete die Sanierung des „Käppela“ am Weißen Weg, oberhalb der Wefa in Seßlach. Zuvor fast im Gestrüpp versteckt und langsam verfallend, wurde das Bildhäuschen aus dem frühen 18. Jahrhundert freigelegt, gereinigt und behutsam restauriert, um es für die Nachwelt zu erhalten. Nun erstrahlt der pittoresk unter einer Kieferngruppe gelegene Bildstock wieder im alten Glanz. Er zeigt in der Nische das Relief des Jesuskindes mit seinen Eltern sowie darüber in Wolken das „allsehende“ Auge Gottes. Eingerahmt wird es von einem Dreieck, das für die göttliche Dreifaltigkeit steht. Neben dem Marterl bietet eine Ruhebank einen schönen Blick ins Rodachtal, bis hin zur Veste Heldburg. Zur Finanzierung trugen auch ein Zuschuss aus dem „5 für 500“-Regionalbudget der Initiative Rodachtal (IR) und die Stadt Seßlach bei.

Häufig machten früher die „Flurumgang“ genannten Prozessionen Halt an Bildstöcken. Mit diesen Bittgängen erbaten ländliche Pfarreien im Frühjahr den Segen Gottes „für eine gute Ernte und das allgemeine Wohlergehen“, so Alexandra Vorderwülbecke. Ein Beispiel stellt der Bildstock an der Kreuzung von Coburger Straße (CO 16) und Weißem Weg dar: Er stammt aus dem Jahr 1688 und zeigt die Muttergottes mit dem sterbenden Heiland in ihren Armen. Nach einem Unfall mit einem Schneepflug vor vier Jahren wurde die Säule saniert, wie die Seßlacherin berichtete. Von dort kürzte die Gruppe bei der Einweihung den Weg ab: Über die Stationen 6 („Fuchs-Kreuz“ an der Coburger Straße), 7 („Barbara-Marterl“ an der Poststraße) und 9 („Fronleichnam vor dem Hattersdorfer Tor) ging es zurück zum Rathaus.

„Der Marterl-Weg eignet sich für jeden, der wandern, aber auch Einkehr suchen und einfach mal runterkommen möchte“, fasste es Vorderwülbecke zusammen. 5,5 Kilometer lang ist der neue Rundweg, knapp 1,5 Stunden werden benötigt. Er führt an 12 steinernen Zeugen vorbei und schlägt Abstecher zu vier weiteren Flurdenkmäler vor. Hinweisschilder auf den „Marterl-Weg – Entlang der stummen Zeugen“ werden Interessierte vergeblich suchen. „Der Schilderwald rund um unser Städtchen ist schon beeindruckend genug“, sagte Maria Brückner. Die leichte Tour ist auf Outdoor active zu finden oder als Flyer bei ihr im Tourismusbüro in der Alten Schule (Luitpoldstraße 3) erhältlich. Auch den Wanderkartensets der IR wird der neue Flyer beigelegt.

Bettina Knauth